Filmmakers Against Racism – Momentaufnahmen aus Südafrika

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Hinter dem aktivistisch anmutenden Titel verbirgt sich ein Paket von vier ‚Dokumentar’-Filmen aus Südafrika, die sich alle mit den ‚xenophobischen’ Attacken auf afrikanische Migranten in Südafrika Mai – August 2008 beschäftigen. Die Gewalttaten forderten 62 Todesopfer und vertrieben 200,000 Menschen aus ihren Unterkünften. Filmmakers Against Racism versuchen an verschiene Traditionen des Widerstand gegen Apartheid und Rassismus anzuknüpfen. Wie einer der beteiligten Filmemacher Azde Ugah bemerkte, wurden sie in Johannesburg schon gefragt, wann es denn ‚Filmmakers against Hunger’ und ‚Filmmakers against Poverty’ geben würde. Die Frage, wie heutzutage überhaupt noch ‚dokumentarisch’ gearbeitet werden kann, entsteht bei jedem dieser vier Filme neu und eröffnet ein riesiges Diskussionsfeld, das von der Schwere des Stoffs jedoch schon im Ansatz zum Verstummen gebracht zu werden scheint.

Der letzte Film ist ästhetisch und inhaltlich der Höhepunkt des Pakets, darum soll er hier zuerst besprochen werden: Adze Ugahs The Burning Man erzählt die Geschichte hinter dem ikonischen Zeitungsbild des Mozambikaners Ernesto Alfabeto Nhamuave kurz vor seinem Tode. Auf dem Foto ist der 33-jährige zu sehen, der am Boden liegt und mit letzter Kraft versucht sich aufzustützen, vielleicht aufzustehen, doch er ist schon zu geschwächt. Die Körperhaltung drückt genau diesen verzweifelten Todeskampf aus. Sein Körper scheint von der Asche gespensterhaft weiß – und sein Gesicht wirkt wie eine Maske. Es ist unerträglich das Bild lange anzusehen, gleichzeitig brennt es sich in die Netzhaut ein. Es markiert die Folge einer xenophobischen Attacke und erzeugt eine spezifische Zeitlichkeit. Auf dem Photo ist der Mann für immer im Todeskampf gefangen– wie Roland Barthes schrieb: „Er ist tot, und er wird sterben.“ Er lebt noch und schaut blicklos aus dem Bild zurück. Er spricht nicht. Bilder sind immer stumm. Wie bringt man sie zum Sprechen?
Einerseits mit den vorhandenen journalistischen Photographien als eingeblendete Standbilder und andererseits mit poetischen nachgestellten Szenen erzählt Adze Ugah die Lebensumstände von Ernesto und begibt sich dann auf Spurensuche in Rhamaposa, wo Ernesto in einer Hütte mit seinem Bruder lebte, und wo er verbrannt wurde. Es ist Ugahs erster Dokumentarfilm, vornehmlich arbeitete er im Spielfilmbereich, dadurch bringt er eine positive Unverbrauchtheit mit. Im selbst gesprochenen Voiceover findet er eine überzeugende Komposition subjektiver Eindrücke und objektiver Fakten: Auch er ist ‚Ausländer,’ da er erst 2003 aus Nigeria nach Johannesburg gekommen ist, somit ist auch für ihn die Fahrt mit einer Kamera nach Rhamaposa angstbesetzt, beim ersten Mal kehrt er wieder um. Beim zweiten Mal beginnt er zu filmen.
Das ungeheuer brutale Vorgehen der Täter wird nicht erklärt, im Gegenteil stellt Ugah mehr Fragen, als dass er Antworten gibt. Die unmögliche Möglichkeit der Einfühlung in Ernestos Leiden wird skizziert, ohne sie den Zuschauer/innen aufzuzwingen.
In Rhamaposa ist von Ernestos Habseligkeiten nichts mehr da, die Hütte ist geplündert und leer, einzig die Spitzengardinen hängen noch an den Fenstern. Ugah muss nach Mozambique reisen, um mehr über Ernesto zu erfahren. Er findet seine Familie in einem kleinen Dorf – Ernestos Witwe, seine drei Kinder, seine Schwester und den immer noch von der Attacke verletzten Bruder, der Ernestos Überreste zum Begräbnis nach Hause gebracht hat.
Dieser Film ist der einzige, der eine gewisse Distanz zu den porträtierten Personen hält, der Subjekte statt Opfer zeigt, und die komplexen Dynamiken von Ökonomie, Arbeitsmigration, Fremd- und Selbstwahrnehmung anreißt.

Affectionately Known as Alex ist der zuerst fast romantisierende Blick einer jungen amerikanischen Filmstudentin auf das Township Alexandra im Norden Johannesburgs. Gedreht wurde auf DV mit viel Zoom und Wackeln, was jedoch schnell vergessen ist, als die Ausschreitungen in Alexandra beginnen – genau vor Danny Turkens Kamera. Sie ist jedoch nicht die einzige Medienvertreterin vor Ort – das Township liegt im Dunkeln und wird erhellt vom Blitzlichtgewitter der Photographen/innen, die alle live dabei sind, als Hütten gewaltsam geöffnet werden. Eine Gruppe Stöcke und Messer schwingender junger Männer tanzt und singt durch die Straßen und geht auf Menschenjagd. Plötzlich vor der Kamera ein am Boden liegender Mann, dem in beide Beine geschossen wurde. Ein weißer Reporter erklärt auf Englisch: It is all about the houses. The people are unhappy that the foreigners are getting their houses. Tiefer gehende Informationen liefert dieser Film nicht, obwohl noch Community meetings gefilmt werden, die jedoch nur einen Zustand des Chaos zeigen, was auch an der Überforderung der Produzentin gelegen haben mag. Als Dokument der Gewalt ist der Film vielleicht aufschlussreich.

Angels on our Shoulders betrachtet die Auswirkung der Gewalt auf Kinder, was immer die Gefahr der Verkitschung in sich trägt. Weinende Kinder werden gezeigt in den temporären Flüchtlingslagern, wie sie erzählen sollen, was ihnen passiert ist, bzw. dass sie ihre Freunde vermissen. In den Lagern, die im Niemandsland aufgebaut wurden – der Film zeigt das East Rand Airport Camp – versuchen die Geflüchteten ihren Alltag zu organisieren. In einem alten Doppeldeckerbus wird eine improvisierte Schule eingerichtet. Das ruft wiederum das South African Ministry of Education auf den Plan. Hier sehen wir zum ersten und einzigen Mal zwei offizielle Regierungsangestellte, denen die improvisierte Schule ein Dorn im Auge ist. Die Kinder der Displaced sollen wieder in ihre alten Schulen zurück. Eine Mutter fragt, ob die Vertreterin des Bildungsministeriums denn die Schulen besucht hätte, und weigert sich ihr Kind wieder dorthin zu schicken, wo es, sobald es den Schulhof betritt als ‚Ausländerin’ beschimpft und geschlagen wird.  Die Offizielle verneint. Und für Sicherheit, so die energische Angestellte, könne sie natürlich nicht garantieren. Aber wer könne das schon? Wie die Filmemacherin später erzählt, wurde dieser Film für den nationalen Fernsehsender SABC produziert. Er ist seit sechs Monaten fertig und immer noch nicht im Fernsehen ausgestrahlt worden.

Die Filme sind vom groben Livebericht zu komplexeren Beobachtungen gestaffelt. Baraka ist eine Beobachtung über mehrere Monate der Gemeinde Masiphumelele in der Nähe von Kapstadt. Die Filmcrew besucht die vertriebenen Migranten (vornehmlich aus Somalia und Äthiopien) in einem Lager, das direkt am Strand errichtet wurde. Es ist jedoch Winter auf der Südhalbkugel, und die Bedingungen alles andere als angenehm.
Masiphumelele ist eine der wenigen Communities, die die Migranten aus den Lagern zurück in ihre Mitte und öffentlich um Entschuldigung baten. Ein Polizist wird gezeigt, wie er die Hände der Zurückkehrenden schüttelt und ‚Welcome back’ zu jedem sagt. Dann konzentriert sich der Film auf die Situation zweier äthiopischer Ladenbesitzer Abdi und sein Kollege, die einen gut gehenden Lebensmittelladen aus ihrer Containerhütte führen. Gerade ihr Geschäftssinn wird ihnen jedoch von den südafrikanischen Bewohner/innen zum Vorwurf gemacht. Jede Nacht schlafen sie in ihrem Laden, der durch Eisengitter geschützt ist und haben Angst vor einem Überfall. Die Lage ist angespannt und zermürbend. Man spürt die Ratlosigkeit – auch der Filmemacher selber – die eigentlich einen hoffnungsvollen Prozess dokumentieren wollten. Der Film endet, und eine eingeblendete Texttafel teilt mit, dass Abdi vor seinem Laden am 7. 11. 2008 erschossen wurde. Am selben Tag erhielt Masiphumelele  – Ironie des Schicksals – eine Auszeichnung für sein Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit.

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