The Hopeful Monster

François Ozon, RICKY, Frankreich/Italien 2009


Is it, indeed, a baby?

Cavell On Makavejev On Bergman,
apokryphes Postskriptum

Man darf Ozons RICKY auch als Kommentar zu neueren Realismen sehen: Es ist, als ob die “genaue Beobachtung” der Dardennes oder die “Schattenseiten” Ken Loachs plötzlich Flügelchen ausstülpten. Bloss, was soll das heissen?, wie kann das sein? Anders gefragt: Wie frivol, wie bourgeois ist Ozon eigentlich? Und macht das Sinn?

Zu Beginn von RICKY – der Cronenberg-Regler ist noch ganz unten – ähnelt die Tapete hinter dem Schlafsofa noch sehr den Tapeten in L’ENFANT, bloss ist das Bild vielleicht (bereits) eine Spur tableauartiger; aber weil die Protagonisten in schwierigen sozialen Verhältnissen leben, denkt man sich nichts dabei. So sieht das eben aus. Die Fahrt in die Fabrik; die Arbeit mit den scharfen Säuren am Fliessband; ob der Mundschutz hilft, selbst wenn er den Bestimmungen entspricht? Und dann die Ohnmacht.

Wie quasi jedes Panel zum “politischen Film” einem erneut versichert, bedarf es der genauen Beobachtung, um dann, nach vielfach geduldiger Sichtung, in der wohlverstandenen Pädagogik der mise-en-scène den Blick des Prekären vielleicht gewärtigen zu können. Bloss, was ist dieser Blick? Wie sehe ich ihn sehen? Wozu? Cinephilisch-autoritär verbrämter Moralismus.

Es bleibt vielleicht der grosse Unterschied zwischen realistischen und anders-als-realistischen Modi der Darstellung, dass erstere zu wissen glauben, was sie darstellen (wollen), während letztere dies nicht wissen – die Terme ihres Gegenstandsbereichs sind ihnen ungewiss, die Gegenstände eher Dinge. Was ist ein Baby?

Das Erstaunliche, das gewiss für viele Ärgerliche, das interessant “Bourgeoise” an Ozon ist seine eigentümliche Milde, die Sanftheit seines Kitschs, das Queere aus den teuren Arrondissements. Wenn denn nun, nach dem glatten Kleinkindpopo, der glatte Rücken des Babys sich schon ausstülpt, warum geht es denn dann nicht gleich mehr abjekt, richtig gore-ig weiter: das Aufplatzen, das Zerstören der Fassaden, hinter der prokreativen Familie der Riss des Realen? (Und wenn der Anschnitt des Symbolischen hier als Stülpung ausgeführt wäre? Alles intakt, allein . . .) Aber am Ende bettet sich stattdessen die wieder schwangere Mutter mit ihren schönen femininen Kurven in schöner femininer Pose (und sie ist ja eine Schaumgeborene aus dem Lac Banlieue) auf das eingeklappte Schlafsofa. Das Kind hält sich sicher auf der Vespa auf dem Weg zur Schule, die das Wissen der Gesellschaft wieder weitervermittelt. Das Baby ist vielleicht kein Angel, aber gewiss noch weniger eine (Cronenberg-)Fliege.

Ozon enthüllt nicht, er verformt – er lässt sich verformen, was ohnehin nur qua seiner Bedingungen geformt (”I have a condition”, MARIN BLUE, USA 2009). Kitsch?, Kamp? – Kepsis? Was ist ein Baby; welche Farbtöne liegen auf den Fassadenelementen der Vorstadtblocks? Zwei Pole lassen sich ausmachen, zwischen denen Ozon seine dünnen Torsionsfäden (Halteleinen?) spannt (der Widerstand von jungen Flügelchen, wenn man sie zum Messen streckt): (1) Die Überzeichnung der Formatierung: Die Formatierung der Baby-Putte, seine Properheit (auch Grösse) ebenso wie seine (ikonografisch normale) Abnormität, die Pastorale des Vorstadtsees, das Zitat des Dodi Al Fayed-Mercedes (keine schwarze S-Klasse kann in Frankreich vor Paparazzi fliehen, die nicht das Auto von Diana ist). (2) Die sanfte Drastik Ozons, sein “going in the gaps” des Symbolischen: ein wenig zu viel an Häufchen in der Windel, das Runterziehen des Hösschens des kleinen Mädchens (ist der Anflug einer Irritation, ob der Betrachter vielleicht eine leichte Erregung verspürt hat, auch gleich wieder verflogen? Kind, Nichtkind? Popo, sein Bild, in klein?), die erigierten Brustwarzen der aus dem Wasser auftauchenden Mutter, nach dem Toilettensex wäscht sich der Mann nicht, auch nicht die Hände.

Die Flügelchen des Babies sind eine Arabeske des Symbolischen – sie ist nicht zerstörerisch, sie ist nicht Symptom, sie enthüllt nichts. Wie man in den Schaubildern der Vogelenzyklopädie sieht, passt sie an den Rücken und passt sie in die Bilder; sie macht glücklich, sie macht unglücklich. Sie ist fort/da. Das, sogenannte, Leben geht weiter.

Der “bourgeoise” Witz, dass der Biss des Mädchens (”Brust?, Schenkel?” “Einen Flügel!”) in den Hähnchenflügel die Flügel Rickys ankündigt.


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