Am Ende doch keine Flügel

am anfang des films ist eine frau am ende, sie spricht mit einer amtsperson oder etwas ähnlichem, weint, will ihr baby abgeben, jedenfalls vorübergehend, es schreit so viel. der vater ist weg, ausserdem hat sie noch ein weiteres kind… dann geht der film eine ungenaue zeit, monate, zurück. alles ist noch gut, die frau lebt alleine mit einer tochter. erst später kommt neuer mann + neues kind hinzu. die frau spielt gerne lotto,
sie träumt vom glück. + eine weitere dieser tabloid-fantasien sehen wir im film ausbuchstabiert. + zwar ultrakörperlich. also: metakörperlich, was aber in einem film die einzig mögliche form ist, körper zu realisieren.

kaum ist das baby da, ist es bereits >zu viel< — zu viel körper, lange bevor ihm flügel wachsen. es schreit viel + laut, es saugt gierig an der brust, es isst viel, seine windeln sind so voll als hätten 3 babys hineingeschissen, die grösse des babys stimmt irgendwie nicht, es ist zu gross.

dass dem baby flügel wachsen, baut eine haarscharfe linie auf zwischen monströsität als
krankheit + dem ungewöhnlichen als besonderheit, als auszeichnung. als deutschland sucht
den superstar, als spektakel. die wachsenden flügel sind in erster linie ultra-komisch (+
als das hat das berlinale-publikum sie auch aufgenommen). sie verschärfen aber auch überaus stringent eine ambivalenz des babys schlechthin: die subjekthaftigkeit eines erst projizierten subjekts gegen die schwere des objekthaften eines nicht sprechenden wesens. wenn das baby wie ein vogel durch den raum fliegt + sich zu beschädigen droht an den wänden, dann wiederholt sich im bild der gängigen baby-stereotype das bild eines konfus im zimmer umherfliegenden vogels. es entsteht eine doppelbelichtung, die grossartig ist.

man vergisst während des films den anfang, der nämlich in den narrativen verlauf gar nicht zu passen scheint. innerhalb der filmerzählung hält eine frau an ihrer liebe für das kind fest + muss sich dem problem stellen, dass das weggeflogene baby entweder verloren ist oder gerettet, weil an die >freie< natur zurückgegeben. Es war eben doch kein unfall, als sie die >drachenleine< aus der hand gleiten liess, später sagt sie: du warst so schön, so frei, als du flogest<. Später sieht sie das kind noch einmal, es kommt als richtig toller vogel vorbeifgeflogen. ihre fantasie wahrscheinlich, aber egal, jedenfalls konfrontiert es damit, dass liebe spaltbar ist + auch abgegeben werden kann (oder muss) an das (liebes-)objekt.

dann, nach all dem, noch mal zurück zu gehen auf den umstand, dass, wenn der antang >stimmt< alles andere gar nicht stimmen kann, also in >wirklichkeit< ein elend mit verlassen-werden, missbrauch, gewalt sich eine komplexe + widersprüchliche fantasie erbaut, ist wirklich traurig.


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