François Ozons Film „Ricky“

Die wirklich beeindruckende stylishe Bewegung des Wettbewerbsbeitrags „Ricky“ bietet Ozon selbst. Sein eleganter Gang, sein schüchternes Lächeln, der sehr eng anliegende Anzug…Ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte runden eine erhaben wirkende Bohemien-Performance ab. Alles wirkt perfekt. Das Starsystem glitzert freundlich. Zumindest manchmal. Das Kameraflirren hört langsam auf, der Applaus der Journalisten nimmt ab: François Ozon hat in der Pressekonferenz Platz genommen. Sein Film „Ricky“ sei ein Experiment, erklärt Ozon: Und was für eins. Es ist eine seltsame, nahezu absurde Mixtur aus Sozialdrama und fantasy-Stil. Da reibt man sich verwundert die Äuglein ohne gleich die neue In-Kategorie „verschwendete Lebenszeit“ anrufen zu müssen. Glaubte man in Ozons letztem Film „Angel“ noch den Anspruch des nachmodernen Avantgarde-Melodramatikers herauslesen zu können, auf historischen Schablonen und Matrizen Verschiebungen der Form vorzunehmen  -  eben Kitsch as Kitsch can, verstanden als Aktualisierung und Neugestaltung der ewig wiederkehrenden Szenen mit weinenden  Männern, kinderlosen, reichen Frauen, leidenschaftlichen Hasslieben und untergehenden Kunst-Sonnen usw., wo in jeder Einstellung ein irritierender Imitation of Life-Modus ins Bild gesetzt wurde – , so verwirrt „Ricky“ zunächst durch eine ungeschminkte, schnörkellose optische Erzählstruktur, die Dimensionen des prekären Lebens aufschimmern lässt. Wer unbedingt die Filme der Berlinale mit dem weltweiten Banken-Crash übercodieren möchte wird das Fehlen des Make-ups in „Ricky“ bemerken. Gibt es nun kein Geld mehr für  Oberflächenkosmetik? Nein, sicherlich nicht. Die erste Frage der PK lautet aber zwangsläufig: „In Zeiten der globalen Finanzkrise, bieten Sie, Herr Ozon, dem Publikum, das andere Probleme hat, einen absurden Eskapismus. Warum?“
Im 1. Teil des Films  zeichnet sich eine Mutter-Tochter-Beziehung in einer grauen Vorstadt ab; Sozialwohnungsflair und lange Vespa-Fahrten, Routinen des Alltags, das Fließband einer Fabrik, Chemikalien, die abgefüllt werden: Gesichtverzerrende Schutzmasken und schneller Toilettensex; alles mit einer milchig-grauen Farbe überzogen. „Arbeitermilieu“ nennt das Ozon. Doch diese „Realismusfolie“ ist seltsam unverbunden mit dem mystery-Spuk des Rests; das lebensnah Artifizielle vieler Ozon-Filme verwirkt seine Potentialität. Im 2. Teil entsteht eine neue Familienkonstellation, ein Mann tritt in das Leben und ein monströses Baby wird geboren, welchem Flügel wachsen und das -  angelockt von den Lichtern der strahlenden Warenhauses und seiner Waren -  durch die Einkaufshalle fliegt. Das Experiment ist also: Einen Film Ken Loach-artig beginnen lassen, um ihn dann Cronenberg-artig zu beenden, so Ozon. Das Märchenhafte setzt im Prekären an, wo sich die Protagonisten allmählich träumend taumelnd den Flug des Ikarus als Baby mit haarigen Vogelflügeln vorstellen. Und dieses fliegende Baby verschwindet vor den Augen der Presse dann im Nirgendwo – über den Teich der Vorstadttrabantensiedlung schwebt es hinfort. Ob nun dieses Monsterbaby etwas Engelhaftes in sich tragen könnte, ist wohl eine Glaubensfrage. Die Erlösungsphantasie am Ende des Films, erscheint nicht minder absurd. Wieder erwartet unsere Protagonistin ein Kind, nachdem sie den Abschied des Baby-Vogels durcharbeitete, d.h. durch den Vorstandsee hindurch schwamm und einen außerweltlichen Kontakt mit diesem fliegenden Dingsda (Baby) aufnimmt. Wird ihr nächstes Kind wieder ein Zombie werden? Ozon erklärt die Bewegung seines Films so: Ich möchte ganz im Sinne Bunuels die Wirklichkeit wie einen Traum filmen, und den Traum wie die Wirklichkeit. Natürlich will er das Imaginäre entfachen, das mit Kino zwangsläufig verbunden ist. In „Ricky“ ist das Imaginäre in sich schon so entzaubert, dass das Phantastische wie ein ironischer Mythos und nicht wie ein psychisch-sozialer Bildraum wirkt, der andere Spiegelungen und Stilisierungen benötigt. Die interessanteste Erkenntnis bleibt vielleicht, dass Ozon peu a peu zu einem Appropriation Art-Artist avanciert, der sich immer mehr Genres – und seien sie noch so grotesk – aneignet und neu verbindet, um dem entlegensten Kitsch noch den Schimmer des Interessanten und einen Hauch des Möglichen zuzugestehen; immer auf der Suche nach dem Traum, der träumen macht, nach einer anderen Ästhetik des Films, die „Ricky“ allerdings nicht zu erreichen weiß.


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