Baghdad, mon amour

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Coney Island, 1977.

Rekonstruktion, Restauration, Retrospektive. Das Jack Smith-Museum existiert (noch) nicht. Interessantester Irakfilm der Berlinale 2008: „Sinbad of Baghdad“ von Jack Smith. Format: Super 8, aufgenommen in Coney Island Mitte der 1970er Jahre, geschnitten: in der Kamera. Jack Smiths bewegende filmische Tableaus. Behutsam aufgebaute Bühnenbilder im Sand, aufwendige Kostüme und eine konzeptuelle Strenge, die nicht allein aus dem Gewöhnlichen eine Kunst entwickelt und Hollywood-Glamourmodelle dekonstruiert, sondern Bilder aus Erzähltechniken entstehen lässt, die den großen orientalischen Mythen auf der Spur sind: eine Moschee aus Plastik im Sand, Kinder, die Werbeschilder für Hämorriden-Salbe hochhalten. Eine homosexuelle Prozession, antiklerikal und frei. Jack Smiths „Sinbad of Baghdad“ ist kein schneller und spontaner Film. Jedes Bild, jeder Schwenk ist genau komponiert. Das ruhende Bild entfaltet peau a peau seine Tiefe und Lebendigkeit. Auch in der Konfrontation mit dem öffentlichen Raum, der als Kulissse für das Umherschweifen durch die Menschenmassen dient, überzeugt Smith mit seinem kryptischen Schauspiel und perfekt arrangierten Kameraperspektiven. Als der Kunstfilm noch kein Gefängnis war, spielte er fröhlich im Entertainmentpark am Strand.

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Standard Operating Procedure: Rekonstruktion, Restauration, Retrospektive. Das Abu Ghraib-Museum existiert (noch) nicht. Die inszenierte Tableau-Fotografie des Soldaten Graner. Der Snapshot als Beweis und seine juridische Logik: „You don`t see outside the frame.“ Und Wolfgang Tillmans, der in dem Dokumentarfilm „If one thing matters, everything matters“ darauf beharrt, dass Jedes Foto seine Abbildungsfunktion überschreitet und damit das Dargestellte verlässt. Standard Operating Procedure kann die Dynamiken des Lebens in Baghdad nicht einfangen. Das Bild bildet zu wenig ab. Regisseur Errol Morris foltert mit Pianoklängen, die auch in Abu Ghraib komponiert sein könnten oder von Philipp Glass, der allerding schon in Arthur Russells und in Pattie Smith eine Rolle spielen musste und daher keine Zeit gehabt haben dürfte. Die Folterknechte und Foltermägde – paradigmatische White Trash-Protagonisten – im Close Up-Modus. Ihre Interviews verwebt Morris zu einem monumentalen Doku-Drama. Auffallend: Die Vermeidung des Sexuellen als Energie der Gewalt und die Einschreibung eines Heinz Rühmann-Humanismus, der den Film entstellt. Die Kleinen henkt man, die Großen lässt man laufen. Die Verfilmung des Abschlussberichts eines Untersuchungsausschusses zeigt die Grenzen des Kinos auf, wenn die zentralen politischen Fragen nicht gestellt werden. Abu Ghraib muss hingegen filmisch durchgearbeitet werden, nicht durch überästhetisiertes, detailverliebtes Reenactment , sondern durch die Überschreitung des „Realen“ in das Feld des Phantasmatischen: Die zentrale Frage: Wie Menschen unter den Bedingungen des Ausnahmenzustands agieren, welche psychische Disposition entsteht, bleibt unbeantwortet.

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Eine Möglichkeit: Brian de Palmas Film „Redacted“

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Das reduzierte und präzise Malen mit pornographischen Bildern und der freudo-marxistische Metatext einer zombifizierten Zeit, in der wir leben: Otto; or, up with dead people. Wie würde ein Bruce LaBruce-Film über Abu Ghraib aussehen?

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A Jihad for Love: Re-modelling & Re-mastering. Die Versöhnung von Homosexualität und Islam existiert (noch) nicht. Szenen des Verhältnisses von Homosexualität und Islam aus unterschiedlichsten islamischen Ländern -u.a. aus Pakistan, Agypten, Iran – sind Szenen der Gewalt. Eine Langzeitstudie des Regisseurs Parvez Sharma in Kooperation mit dem Produzenten Sandi Dubowski. Ein muslimisch-jüdische Produktion. Die Wiederkehr des Queeraktivismus auf der Berlinale 2008, wie es Wieland Speck nannte: A Jihad for love, der immanent verlaufen könnte, nichts mit dem heiligen Krieg zu tun habe, so die These des Films, um aus einer Neuinterpretation des Korans eine Kultur der Homosexualität entstehen zu lassen. Gläubig sein und homosexuell sei kein Widerspruch. Probleme des Thesenfilms: Die apolitische Dimension der Versöhnung und das verpixelte DV-Bild. Auch wenn Religion nicht zu entkommen ist, fehlt der antiklerikale Gestus des Politischen.

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Heavy Metal in Baghdad. Die sicherlich energetischste Leistung des diesjährigen Festivals: Das Portrait der einzigen Metal Band Iraks, die in der war zone Baghdads lebt bzw. überlebt, später nach Damaskus auswandert und von einem nicht unsexy wirkenden Journalisten des Vice magazine begleitet wird, der an seinem Finger einen Vice-Ring aus Gold trägt, gerne allein mit der Kamera kommuniziert, sich als mutigen Journalisten inszeniert und für diese Leistung unbedingt den Preis für die selbstgefälligste und narzisstischste Darbietung der Berlinale 2008 erhalten sollte. Oder anders: Hilf’, lieber Vice-Journalist, wenn du denn wirklich kannst oder frage deinen Produzenten Spike Jones… Aber bitte nicht so ein (Rock)-Theater. Im Jargon des Heavy Metal-Films formuliert: „It makes me sick, FXXXer.“ Aber so war es ja auch bestimmt gemeint – in the face.


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