Papaya-Durian

Royston Tan, 881, Singapur, Japan 2007


If you don’t have dreams, you dream for others

You look more and the mirror will crack

Der gewöhnlichen roten Akkreditierungskarte ist der Zugang zum Film Market verwehrt. Um das Kino zu betreten bedarf es daher der Legende, der Aufmerksamkeit und einer hübschen Komplizin, die man nie zuvor gesehen hat. Dann allerdings werden einem, am Platz, besondere Anweisungen für die Zeit nach der Vorstellung ins Ohr geflüstert (ARE YOU HAPPY?) und eine leichte Feder auf die Schulter gelegt. Während des Abspanns kritzelt man eine kurze Notiz mit Zeit&Ort, afraid of missing the next stage. Diese Umstände sind zu berücksichtigen, falls sich im Folgenden “unearned sentiment” und “mystifying enthusiasm” widerspiegeln.

Royston Tan, geboren 1976, ist der Star des jungen Singapur-Kinos. Vor kurzem noch im Clinch mit der Zensur des autoritären Regimes, wählte ihn Time Asia unter seine 20 “Asia’s Heroes” (Sparte Ikonoklasmus), sammelte er Preise auf internationalen Festivals, und 2006 lief sein zweiter Langfilm 4:30 im Panorama der Berlinale. Vor 4:30 war 15, und jetzt 881. Die Zahlen der Titel bedeuten immer etwas anderes: das Alter der 5 Bandenjungs, die morgendliche Stunde, wenn der kleine Junge und der grosse Junge sich in der gemeinsamen Wohnung flüchtig begegnen (aber was heisst: “gemeinsam”?), und nun “Papaya”, ausgesprochen in Mandarin. Wenn die Chiffrierung der Namen die Filme verbindet, machen ihre Unterschiede hinsichtlich Form und Inhalt den hastigen Blick perplex. Auf die “visual pyrotechnics” (Village Voice), Inserts und abrupten Schnitte (Godard, MTV, Filmschule) von 15 (2003), folgt in 4:30 (2005) die extrem verdichtete und eingebremste Beschreibung einer sehr speziellen sozio-affektiven Raum-Zeit-Topologie: die präzise Kadrierung der Einstellungen erlaubt dem Zuschauer kaum die Übersicht über die Zeiträume der engen Mietwohnung, in denen der kleine chinesische Junge und der junge koreanische Mann auf je andere Weise verlassen (von der Mutter, vom Freund) und so aufeinander bezogen sind — um 4:30 AM, als Patienten oder Kunden der “Look Clinic”.



Verbote im Singapurer Mass Rapid Transport

Und nun 881, ein Musical, eine Komödie, “a hybrid of DANCER IN THE DARK and MOULIN ROUGE” (Tan), “in a Getai way” (Tan). Das Setting ist Singapurs Getai Kultur, hier erstmals im Spielfilm dargestellt: Im siebten Mondmonat öffnen sich Jahr für Jahr die Tore der Unterwelt und die Geister der Toten müssen nicht nur mit Gebeten und Räucherstäbchen, sondern auch mit süsslichen Schlagern im Hokkien Dialekt besänftigt werden; über Hunderte grell designter improvisierter Bühnen tingeln die Getai-Stars in einem Tempo (177 Bühnen in dem einen Monat), das nur vom Wechsel ihrer märchenhaften Kostüme zwischen Comic und Singapore is burning überboten wird. Tatsächlich blieben aber Camp- und Drag-Dimension des Getai bis dato ungesehen; es war, wie der altmodische Dialekt der Lyrics, eine Sache der Älteren, belächelt als blosser Kitsch — mit 881’s unerwartetem Einspielergebnis (mit S$3 Millionen grösster Kassenerfolg eines asiatischen Films in Singapur 2007) scheint sich dies zu ändern.

Der Plot ist einerseits so märchenhaft wie die Bühnenprops und Kostüme: “Two girls, one dream” (Presse-doc). Auf einem Konzert des (realen) Getai-Stars Chen Jin Lang verschwistern sich zwei Singapur-Girls zu den Papaya Sisters, um zwölf Monde später selbst an der Rampe zu stehen; vorläufig bedeutet der Plan aber den Abgang von der Bühne natürlicher Nachkommenschaft, deren Dekoration gezeichnet wäre in den einfachen Linien der Prokreation: Great Papaya, von ihrer Mutter verstossen, schlüpft mit Little Papaya, als Waise natürlicherweise elternlos, unter die Fittiche ihrer Tante, einer Näherin von Feder-Outfits. Als der techno-affine Getai-Produzent bei den Papayas einen Mangel an “feel” (im Original englisch) feststellt, muss der Tante Zwillingsschwester, die goldgeflügelte Göttin des Getai, helfen. Sie schickt kleine Lichtkugeln des “feel” in die zarten Kehlen der Papayas, die im Gegenzug Keuschheit, genauer: heterosexuelle Abstinenz geloben. Daraufhin läuft zunächst alles wie im Traum, wenn der stumme Sohn der Tante als Fahrer (und Off-Erzähler!) die Papayas, afraid of missing the next stage, schneller zu den Getai-Bühnen bringt als die konkurrierenden Durian (Stinkfrucht) Sisters. Der Erfolg beim Publikum erlaubt ihnen, Geld für ihr an Krebs erkranktes Idol zu sammeln. Als aber Chen Jin Lang schliesslich stirbt, tröstet sich Great Papaya mit dem Fahrer-Cousin unter dem Prasseln eines stimmungsvollen aber falschen Regens und verletzt so im Car-Wash die Gebote der Göttin (des Inzests?). Angetrieben vom Gangster Godfather können die Durians daraufhin den Papayas die Gigs streitig machen und es kommt, nach letzter Aufrüstung an Nähmaschine und CD-Brenner, zur finalen battle of the fruits: der Verlierer wird, symbolisch vernichtet, den Getai circuit für immer verlassen müssen. Strophenweise wechseln nun die Kostüme, Leuchtkügelchen messen sich mit Federpfeilchen, Stachel-BHs (der namengebenden Frucht nachempfunden) senden Strahlen gegen Bulldozer-props, zorniger fairy dust zeichnet digitale Arabesken. Aber trotz üppiger Background-Vocals der Holy Innocent Virgins (HIV) scheinen die Papayas dem Eurodance-Techno der Durians zu unterliegen, bis — die Niederlage vor Augen in ihren Augen die Tränen zu fliessen beginnen. Am nächsten Tag ratifiziert die Grösse der Titelfotos den emotional rescue. Kitsch-Camp mit Happy End also?

Man mag an Weerasethakul’s Flirt mit dem Thai-Musical in THE ADVENTURES OF IRON PUSSY (Forum Berlinale 2004) denken (auch dort aber das Outing eines Genres), und doch liegt der Fall bei 881 noch einmal anders. Vor dem Hintergrund der grellen Pappwände geht es nicht bloss um eine clevere Camp-Etüde des jungen Regiestars (but what IS camp, anyway? Frau Roenneke?) — es sei denn, es gäbe oder man verstünde eine tragische oder melodramatische Dimension des Camp. In 881 geben Zeit und Tod (welches ist die Differenz?) das Mass des Geschehens vor: Little Papaya wird, Fluch der Prokreation, an Krebs sterben wie ihre Eltern; es sind die Toten, die der social fairy dust des Getai in der bemessenen Zeit des einen Monats einhüllen soll; der Krebstod des Idols, HIV, usw. Schliesslich die Logik des Musicals, die Grammatik seiner Nummern (881, eine Nummer auf der Bühne, eine Nummer neben der Bühne: … but in real life there is only silence): die Zeit des Singens ist herausgenommen aus dem Gang der Dinge und der Handlung — Handlung, die man immer auch als einen geschlossenen, prokreativen Bogen vom Anfang zum Ende verstehen kann, in der also auch das Ende seinen guten Sinn machte. Aber im Musical? Björk, of all people, verliess in DANCER IN THE DARK das Kino, das Musical immer vor dem Ende (”the next to last song”).

Nach dem Ende der battle of the fruits und ihres Happy End’s geht 881 weiter. Little Papaya, erschöpft von den falschen Schlachten des Getai und der Zeit, beginnt nun, endlich, zu sterben. Was dann im Film folgt, ist nicht leicht zu verstehen (der Film tritt endgültig aus dem Horizont jedes Variety-Filmverstehens). Little Papaya liegt im sehr weissen Krankenhaus, an ihrer Seite die Tante Ling; als Great Papaya hinzukommt, entschuldigt sich die Tante (”let me charge my phone”) und lässt die Mädchen allein. Dann beginnen sie gemeinsam ein Lied zu singen, in einer faux-Ballhaus Doppelrotation kreist die Kamera um die zwischen den weissen Kachelwänden kreisenden Sängerinnen. Von Strophe zu Strophe wechseln nicht die Kostüme, sondern ihre ausgehenden Haare legen immer weitere Partien des Schädels von Little Papaya frei. Die kreisenden Wände bilden einen Kachelkristall, einen Zeitkristall aus einfachen weissen Kacheln.

Am Krankenbett fragt Little Papaya die Tante, was sie anders machen würde, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte. “Many things.”
Viele Dinge sieht sich der stumme Sohn, Fahrer, und Erzählstimme vor (oder nach?) dem Abspann noch einmal auf Fotos an — Abzüge, die keinen Rahmen besitzen. Bis zur scharfen Kante des Rands reicht das Bild der lustigen, läppischen, lächerlichen, lauten, der sog. ironischen Vorgänge.
Die Ecken der frameless pictures sind gerundet, soft.


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