a.ka. Nikki S. Lee

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by Marietta Kesting/Aljoscha Weskott

Christiane Rösinger schreibt in der taz dieser Tage: „So kann es geschehen, dass man als Kunsthasserin plötzlich in einem Dokumentarfilm über eine New Yorker Künstlerin koreanischer Abstammung sitzt, die sinnlos in der Welt herumreist, weil sie ihr Leben irgendwie als Performance begreift und berühmte Collectors und Modeschauen besucht. Wunderschön ist dann die plötzliche Erkenntnis: Ich kann ja einfach gehen! Es hält mich keiner, ich muss ja gar nicht! Und darauf folgt gleich die nächste Einsicht: Deshalb sitzen so viele Leute am äußersten Rand!“

Sinnlos in der Welt herumreisen?

Ja, solange es Menschen gibt!

Ich saß neben ihr, dort, am äußersten Rand. Sie ging plötzlich, einfach so, während das aufregende Leben der Nikki S. Lee sich behutsam auf der Leinwand entfaltete. Es ist ja nicht so, dass wir Nikki S. Lee in einem langweiligen Künstlerpotrait sehen, nein, sie dreht einen Dokumentarfilm über sich selbst, sie hat den Film auch in Auftrag gegeben, sich selbst beauftragt Regie zu führen, in ihrem mulitple persons roadmovie durch die Felder der Kunst. Oder wie Nikki S Lee mit einem starken Akzent im typischen broken English sagt: „It is a film about Nikki playing Nikki.“ Sie ist prätentiös, keine Frage. Nur Lesen sei wirkliches socializing, sagt sie. Trotzdem ist a.k.a. Nikki S. Lee ein gelungener Versuch eines Selbstportraits auf dem diesjährigen Festival, weil die typische narzisstische Nabelschau in eine Zone der Unbestimmbarkeit verschoben wird. Der Film nimmt in einem rasanten Tempo sowohl die Darstellung ihrer Fotoserien als auch ihr Leben zwischen den Shootings auf. Nikki S. Lees Fotografien greifen immer den Gebrauchwert der alltäglichen Snapshots auf. In aufwendigen Serien re-inszeniert sie die scheinbar verbrauchten Bilderwelten profaner Ereignisse. Während sich Cindy Sherman mit ihren Filmstills an sanktionierten Hochkulturtableaus versucht, macht Nikki S. Lee vielleicht wirklich existentielle Fotografien: Schnappschüsse, von sich selbst als einer Anderen. Sie nimmt jede vorstellbare Rolle an: etwa die eines Skatergirls, einer White Trash Ehefrau oder einer alten distinguierten Dame in einer Parkanlage. Eine andere Serie umfasst sie und das suspendierte Objekt, ein Freund, eine Freundin, von dem/der jeweils nur die Hand, oder der Arm zu sehen ist, demnach aus dem Bild hinaus geschnitten wurde. Ihre Methode: Identitätssplitter aufsammeln und neu arrangieren. Das gilt auch für sie selbst. Es sicherlich kein falscher Roland Barthes-Kitsch, sich Nikki S. Lee wie von einer Romanfigur gesagt vorzustellen. Zwischendurch mimt Nikki den social butterfly bei ihren steinreichen Sammlern, die sich mit an die Schmerzgrenze gehender Aufgedrehtheit selbst spielen. (Man ist im nach hinein froh, dass Tina Barneys Fotografien eben dieser Familien stumm sind). Gleichzeitig ergeben sich hier doch spektakuläre Einblicke in die Kunstwelt, weil Motive von Langeweile, Desinteresse, Sammlleidenschaft und der immer arbeitswütigen, ernsthaften Künstlerin beinahe szenisch aufbereitet werden und tragisch-komische Effekte produzieren. So schaut eine Kuratorin schaut bei einem Gespräch auf Nikkis Blumenarrangement und sagt beiläufig: „Well, you are a conceptual artist.“

Es sicherlich nicht unproblematisch anno 2007 immer noch Identitässampling zu kultivieren, jenes „Es gibt nicht eine Identität sondern viele“ wie es Nikki nicht müde wird zu betonen. Dieses Bild erhält jedoch auf erfrischende Weise Kratzer, weil die filmische Bewegung eine andere ist: Fast könnte man glauben, dass nur Nikki der Kunstwelt die Maske entreißen kann: In Mexiko City, Frankfurt/Main, New York City, Paris und Venedig führt sie uns ihre Liebe zur Kunst vor Augen, um nicht in einem Bourdieschen Sinne, sondern auf eine verspielte Weise das permanente, manchmal schauerliche Schauspiel der Protagonisten des Kunstefeldes vor Augen zu führen. “I’ve seen your amazing exhibition last week, heißt es dann. Die Verbindung zwischen den Zeitsprüngen im Film wird von der Making Off Perspektive ihrer Bilderstrecken weltumspannend zusammengehalten. Sie legt eine fotografische Spur, die die Bewegung des Filmes in eine permanente Verwandlung überführt, weil sie sich perfekt ihrer Umgebung anzupassen scheint. Nikki S. Lee ist ein bizarres Schauspiel. Sie dreht ein paar Soap-Einstellungen während des Filmfestivals in Pusan (Südkorea). (Pusan scheint überhaupt so etwas wie eine neues Versprechen des Films werden zu können). Später singt sie eine koreanische Schnulze an einem Flussufer, um schließlich in einer Galerie in Frankfurt/Main zu landen, wo fachkundig aus Versehen die weißen Ränder ihrer Fotos abgeschnitten wurden. Nikki ist überaus verärgert und durcheinander. Die Fotos müssen neu angefertigt werden und am Vorabend der Eröffnung sind die Wände immer noch weiß. Da sagt dann die deutsche Galleristin: The exhibition stands not under a good star.

Nie war mehr über das deutsche Kunstfeld (auf der Berlinale 2007) zu erfahren als in dieser little, tiny message. Bei der kommerziellen Kunstmesse „Armory Fair“ in New York, wo business as usual solche Peinlichkeiten fast unmöglich macht, verfällt Nikki in einen Schwebezustand. Eine gewisse Traurigkeit scheint sie zu umgeben, von der sie aber auch getragen wird. Der naheliegende Eindruck, dass es das Kunstfeld selbst ist, das ihr nicht gut tut, wird jedoch verwischt, weil sie in dieser Blase längst heimisch geworden ist. Wir müssen uns a.ka. Vielleicht müssen wir uns Nikki S. Lee als sehr einsamen Menschen vorstellen. Das hat durchaus etwas Unheimliches. Sie beendet ihren Film mit dem Satz (in sechsfacher Wiederholung!): „I really like New York. I think it’s the only place where I can be Nikki.“ Vielleicht stimmt das sogar.


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