The Life of Harvey Milk

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Gus van Sants Geschichte des Gay-Aktivisten Harvey Milk (Sean Penn), der 1978 zum ersten schwulen Stadtrat der USA gewählt wurde und noch im selben Jahr ermordet wird, beginnt so Haynes-artig verstörend, erinnert zunächst an Bausteine von „I’m not there“. Da sind die Tonbänder, die Milk hinterließ, ein mögliches Attentat antizipierend, und als Tonspur in den Film verwoben werden. Da ist der Sog des 8, 16, und 35 mm Found Footage, die Ununterscheidbarkeit von Filmbildern und Dokumentarmaterialien, die rhythmisch-pulsierende Schnittfrequenz zu Beginn, und nicht zuletzt Sean Penns Cruising durch den U-Bahnschacht, somewhere in New York, das auf ein anderes, angenehm fragmentiertes, nicht klassischen Erzählkonventionen folgendes Biopic hoffen lässt. MILK ist vollständig in die schillernden Farben und Moden der 1970er Jahre eingetaucht worden. San Franzisko mutiert zu einem einzigen Film-Set. Immer geht es um ein Nachzeichnen, Nachstellen, Nachdrehen und Nachempfinden. Dazwischen kreiert Van Sant andere Räume, die das eigenwillige Geschichtsepos entgrenzen. Es ist ein Spektakel des Repainting, wenn man so möchte. Wer sich für das Eintauchen in Pools der 1970er Jahre interessiert, wird es in Perfektion sehen. Der extreme Blauton des Pools, die perfekt abgestimmte Tauchphase von rechts nach links, das Auftauchen als historische Geste – der Schnurrbart ist mit Glasperlen besetzt -, ist nicht nur eine Frage der Kadrierung. Jedes Accessoire führt in MILK ein geisterhaftes Eigenleben im Zeichen von Kitsch vs. Fetisch und Fetisch vs. Kitsch vor, ist zeitlich markiert und schwankt zwischen verbrauchter und fortlebender Dinghaftigkeit. Das funkelnde Gay-Archiv der Dinge – manchmal ist das schon post mortem – wird durch den Fotografie-Laden „Camera Castro“ verdichtet, der auf Initiative von Milk zum kulturellen und politischen Zentrum der Schwulenszene im Castro-Viertel San Franziskos avanciert. Dort dreht sich das Bilderkarusell aus Mode, Sex und Szenen des Politischen. Zwischen der Verabschiedung der Closet-Figur  – die heute mitunter wieder aufersteht -, der Entdeckung der Militanz,  werden die Accessoires wie Laufmaschen behutsam aufgezogen. Ein historischer Laufsteg breitet sich in einer Tiefendimension im Hintergrund des Biopics aus. Es entsteht eine Bühne des Lebens, die auch von brutalen Polizeieinsätze und alltägliche Übergriffe gegen Schwule bestimmt ist. Es sind die kleinen unscheinbaren Nebenräumen und Nebengeräusche der Lebensgeschichte Milks, die den Film auszeichnen. Die interessanten Facetten der serialisierten Minikrise, die sich Leben nennt und einen Namen trägt – der ewige Stoff des Biopics – , sind die den Handlungsstrang unterminierenden Dynamiken des Lebens, die als Farb- und Soundspiele den Druck auf jene Fragen des Privaten und des Politischen bis in die Gegenwart verlängern. „You Make Me Feel (Mighty Real)“ schallt es gegen Ende durch den Film. Milk, der mitunter melancholische Opernliebhaber, war mit dem 70er-Jahre-Discostar Sylvester befreundet.

In the end, it’s gory.


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